Schwul

Weitere Begriffe zum Thema Diskriminierung und Verfolgung von Minderheiten:

Als Adjektiv bedeutet das Wort schwul laut Brockhaus (2005)

  • a) homosexuell veranlagt, empfindend;
  • b) auf (männlicher) Homosexualität beruhend;
  • c) für (männliche) Homosexualität bestimmt, geschaffen.

Ursprünglich negativ und abwertend benutzt, wurde schwul seit den 1970er Jahren als Selbstbezeichnung und Kampfbegriff von Homosexuellen übernommen.

Das Wort schwul für «drückend heiss» gelangte vom Niederhochdeutschen im 17. Jahrhundert ins Hochdeutsche und wurde dort in Anlehnung an «kühl» zu «schwül». Bereits im 19. Jahrhundert wurde schwul (ohne Umlaut) in der heutigen Bedeutung verwendet. Eine eindeutige Erklärung dafür gibt es nicht; wahrscheinlich wurde das Wort in Anspielung auf den umgangssprachlichen Ausdruck «warmer Bruder» für Homosexuelle verwendet (Grimm’sches Wörterbuch 1915).

Vor den 1970er Jahren wurde der Begriff schwul ausschliesslich abwertend und als Schimpfwort gebraucht. Im Zuge der kulturellen Revolution von 1968 entstand auch eine Schwulenbewegung, die sich selbstbewusst zur Homosexualität bekannte und sich gegen Verfolgung, Verachtung und Unterdrückung wehrte. Sie übernahm den Begriff schwul als Selbstbezeichnung und Kampfbegriff und deutete ihn um. Hatte dieser sich vorher vor allem auf gleichgeschlechtliche Sexualität und sexuelle Akte bezogen, so bezeichnete er neu eine Identität, eine Haltung und einen Lebensstil. Die früher gebräuchliche Fremdbezeichnung «homosexuell» wurde von vielen Schwulen als zu klinisch und als eine medizinische Abweichung definierend empfunden, die Selbstbezeichnungen «homoerotisch» und «homophil» als zu wenig kämpferisch. Im Englischen haben «gay» und «queer» seit einigen Jahren eine ähnliche Umdeutung erfahren.

Zu Beginn der 1970er Jahre wurde schwul, wie auch schon zuvor «homosexuell», sowohl von Männern wie auch von Frauen als Selbstbezeichnung verwendet. Bald jedoch fanden politisch aktive «schwule Frauen» mehr Gemeinsamkeiten mit der feministischen Frauenbewegung als mit der männlichen Schwulenbewegung; als Selbstbezeichnung wählten sie den Begriff «Lesben». Seit den 1990er Jahren hat wieder eine Annäherung stattgefunden, die sich in der Wortschöpfung «schwul-lesbisch» ausdrückt. Sie wird in gemeinsamen politischen Aktionen von Lesben- und Schwulenorganisationen verwendet.

In den 1990er Jahren hat eine weitere Begriffsänderung stattgefunden. Schwul, Schwule und Schwulenbewegung sind heute im deutschen Sprachgebrauch weit verbreitet und gelten nicht mehr als kämpferische, sondern als neutrale Worte. An der Parade Gay Pride 2001 wandte sich der damalige Bundespräsident Moritz Leuenberger mit folgenden Worten an das schwul-lesbische Publikum: «Ihrer Beharrlichkeit ist […] zu verdanken, dass ich heute die Worte „schwul“ oder „lesbisch“ viel leichter über die Lippen bringe. In meiner Jugend waren dies obszöne Schimpfworte, und ich wunderte mich später darüber, dass Sie sich nicht einen anderen, weniger belasteten Namen geben. Heute muss ich Sie dazu beglückwünschen. Sie sind auf diese Weise zwar den schmerzlicheren Weg gegangen; aber Sie haben etwas in Bewegung gebracht. Sie haben Schimpf und Schande auf sich genommen, aber Sie sind daran, die Worte „schwul“ und „lesbisch“ salonfähig zu machen».

In der Jugendsprache hingegen wird schwul seit einigen Jahren als abwertendes Adjektiv für alles Mögliche gebraucht. Es bedeutet etwa «peinlich», «nervig» oder «unangenehm». Daneben werden nach wie vor «schwule Sau», «Schwuchtel» und «Schwuler» als Schimpfwörter für Homosexuelle oder vermeintlich Homosexuelle verwendet.

Siehe auch den Eintrag Lesben/lesbisch.

© GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, 2015

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24.03.2025

Lesung und Gespräch zu «Gojnormativität. Warum wir anders über Antisemitismus sprechen müssen.»

Am 8. Mai 2025 sprechen Judith Coffey und Vivien Laumann im Zollhaus Zürich über ihr Buch «Gojnormativität. Warum wir anders über Antisemitismus sprechen müssen».

Im Buch loten die Autorinnen das Verhältnis von Jüdischsein und weiss-Sein aus und gehen der spezifischen Unsichtbarkeit von Juden:Jüdinnen in der Mehrheitsgesellschaft nach. In Anlehnung an das Konzept der Heteronormativität erlaubt «Gojnormativität», Dominanzverhältnisse in der Gesellschaft zu befragen und so ein anderes Sprechen über Antisemitismus zu etablieren.

Das Buch ist eine Aufforderung zu einem bedingungslosen Einbeziehen von Juden:Jüdinnen in intersektionale Diskurse und Politiken und zugleich ein engagiertes Plädoyer für solidarische Bündnisse und Allianzen.

Wann: 8. Mai 2025 um 19:00 Uhr
Wo: Zollhaus Zürich / online mit Livestream
Sprache: Deutsch und Verdolmetschung in Gebärdensprache (auf Anfrage)
Moderation: Prof. Dr. Amir Dziri
In Kooperation mit: ZIID und feministisch*komplex

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