Ein Antisemitismus-Trauerspiel in vier Akten
18.02.2021

Unter dem Titel «Kein Platz mehr für Juden im Saas Tal» erschien letzten Samstag ein Artikel auf dem Onlineblog «Inside Paradeplatz». Der Beitrag ist nichts anderes als eine Aneinanderreihung antisemitischer Klischees und führte zu heftigen Reaktionen in den Kommentarspalten. Nicht nur die haltlose Stereotypisierung jüdischer Menschen lässt die berechtigte Frage aufkommen, welche Erkenntnis der Beitrag vermitteln sollte, sondern auch der gesamte Aufbau des Artikels. In Tat und Wahrheit liefert der Artikel ein Paradebeispiel, wie Antisemitismus in der heutigen Zeit funktioniert. Und zwar folgendermassen:

 

1. Akt: Das Alibi 

Eigentlich, so suggeriert die Einleitung des Textes, sei das Thema des Artikels die Errichtung eines jüdischen Bethauses in Saas Fee. Dem Leser erschliesst sich jedoch sehr bald, dass es dem Autor um viel mehr als um das kleine Bergdorf im Wallis geht. Dieses dient lediglich als Aufhänger, um Schweizer Juden und Menschen jüdischen Glaubens im Allgemeinen als reiche, frauenunterdrückende, integrationsunfähige Kosmopoliten darzustellen, die immer und überall eine Extrawurst beanspruchen, selbst aber zu keinerlei Anpassung bereit sind.

 

2.  Akt: Der Persilschein 

Bevor der Autor jedoch seinen Rundumschlag gegen Menschen jüdischen Glaubens startet, versichert er seinen Leserinnen und Lesern, dass es unter Juden durchaus akzeptable, ja sogar begabte Leute gebe. Er listet einige bekannte Exponenten namentlich auf, denen er lobenswerte Eigenschaften zugesteht. Indem der Autor bekräftigt, einige dieser «Vorzeigejuden» persönlich zu kennen, weist er sein Urteil zu dieser Bevölkerungsgruppe als evidenzbasiert aus und stellt sich zugleich selbst den Persilschein aus für die darauffolgende Auflistung von den Juden zugeschriebenen Eigenschaften.

 

3. Akt: Guter Jude, böser Jude

Der Grossteil des Beitrags ist dann nichts anderes als eine Aneinanderreihung der typischen Klischees, die antisemitische Ressentiments seit Jahrhunderten einen Nährboden bieten. Während die meisten dieser Aussagen bestenfalls als geschmacklos bezeichnet werden können, geht der Autor mit seiner Beschreibung von Juden als «ferien-hungrige, im Rudel auftretende» Gruppe zu weit. Mit dieser sprachlichen Gleichsetzung mit Tieren entmenschlicht er Jüdinnen und Juden und spricht ihnen damit die Würde ab, die jedem Menschen zusteht, unabhängig von Religion, Hautfarbe oder Nationalität.

 

4. Akt: Was bleibt

Was die im Text erläuterten Klischees mit dem anfangs erwähnten Saas Fee zu tun haben, bleibt dem Leser schleierhaft. Fest steht hingegen, welche Wirkung der Bericht beim unbefangenen Leser erzeugt. Der über «die Schweizer Juden» vermittelte Eindruck ähnelt dem verzerrten Bild des Juden, wie es Jahrhunderte lang als Projektionsfläche für alles Unheil in der Welt herhalten musste. Mit der Realität hat diese Darstellung herzlich wenig zu tun.

 

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24.03.2025

Lesung und Gespräch zu «Gojnormativität. Warum wir anders über Antisemitismus sprechen müssen.»

Am 8. Mai 2025 sprechen Judith Coffey und Vivien Laumann im Zollhaus Zürich über ihr Buch «Gojnormativität. Warum wir anders über Antisemitismus sprechen müssen».

Im Buch loten die Autorinnen das Verhältnis von Jüdischsein und weiss-Sein aus und gehen der spezifischen Unsichtbarkeit von Juden:Jüdinnen in der Mehrheitsgesellschaft nach. In Anlehnung an das Konzept der Heteronormativität erlaubt «Gojnormativität», Dominanzverhältnisse in der Gesellschaft zu befragen und so ein anderes Sprechen über Antisemitismus zu etablieren.

Das Buch ist eine Aufforderung zu einem bedingungslosen Einbeziehen von Juden:Jüdinnen in intersektionale Diskurse und Politiken und zugleich ein engagiertes Plädoyer für solidarische Bündnisse und Allianzen.

Wann: 8. Mai 2025 um 19:00 Uhr
Wo: Zollhaus Zürich / online mit Livestream
Sprache: Deutsch und Verdolmetschung in Gebärdensprache (auf Anfrage)
Moderation: Prof. Dr. Amir Dziri
In Kooperation mit: ZIID und feministisch*komplex

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